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Autor: Björn Held

Maske & Emojis mal anders

Masken, Emojis und warum Asiaten sich durch Masken weniger beeinträchtigt fühlen

Seit Mitte April 2020 gilt in Deutschland die Maskenpflicht an bestimmten Orten wie z.B. Geschäften oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Das heißt, an diesen Orten begegnen wir anderen Menschen, die auch eine Maske tragen. Für uns hier in Deutschland sind Masken neu und in Asien laufen die Leute schon lange damit herum.

Die Frage, um die es mir heute geht, ist wie sich das Tragen von Masken auf das tägliche Miteinander auswirkt, da die Maske ja die Mund-Nase Partie bedeckt und somit das Erkennen, Atmen und Sprechen erschwert. Dazu habe ich mir ein paar wissenschaftliche Studien angeschaut, die ich gleich mal vorstellen werde.

Zusätzlich mache ich mir ein paar Gedanken dazu, ob die Beeinträchtigungen der zwischen-menschlichen Kommunikation in Asien genauso stark sind wie bei uns, und ob das ein Grund, von vielen anderen, dafür sein könnte, dass die Corona Pandemie in Europa und den USA zu ungleich mehr Infizierten und Todesfällen führt, als in vielen Demokratien in Asien wie beispielsweise Süd-Korea oder Japan, die mit deutlich weniger harten Lock Downs durch die Krise kommen.

Wie beeinträchtigt das Tragen von Atemschutzmasken die zwischenmenschliche Kommunikation?

Diese Frage wurde im Mai 2020 in einer Studie Prof. Claus-Christian Carbon von der Uni Bamberg experimentell untersucht. Ihn interessierte, ob und wie Gesichtsmasken das Erkennen von Emotionen beeinflussen.

In der Studie wurden im 41 Personen im Alter zwischen 18 und 87 Jahren untersucht. Ihnen wurden Gesichter mit sechs verschiedenen Emotionen vorgelegt, mit insgesamt 12 kaukasischen Gesichtern (6 weiblich, 6 männlich), also gab bewertete jede Person insgesamt 144 Bewertungen ab (6 Emotionen x 12 Gesichter x 2 Bedingungen (mit/ohne Maske).

Die sechs Emotionen, die zugeordnet wurden, beruhten auf der Forschung von Paul Ekman und wurden den Teilnehmer*innen als Kategorien auf einer Liste vorgegeben. Sie sollten nicht nur die Emotion zuordnen, sondern auch angeben, wie sicher sie sich bei der jeweiligen Zuordnung waren. Bei den sechs Emotionen handelte es sich um: Wut, Ekel, Angst, Freude, Neutral und Trauer.

Ergebnisse Gesichter ohne Maske: Das Erkennen von Emotionen ist schon ohne Maske schwer genug.  Ohne Maske wurden die vier Emotionen Ekel, Angst, Freude und Neutral in mehr von mehr als 90% der Teilnehmer*innen korrekt erkannt. Trauer wurde in mehr als 20% der Fälle mit Ekel verwechselt.

Ergebnisse Gesichter mit Maske: Die Beurteilung der Fotos auf denen eine Maske getragen wurde, fiel deutlich schlechter aus. Von den sechs Emotionen wurden nur zwei Emotionen, nämlich Angst und Neutral genauso gut wie ohne Maske erkannt. Die anderen vier Emotionen wurden mit Maske deutlich schlechter erkannt, insbesondere Ekel, der wieder am stärksten mit Trauer verwechselt wurde. Auch das Vertrauen in die eigene Klassifikation der Beurteilung ging signifikant zurück.

Fazit: Die Maske erschwert das Erkennen von Emotionen und Gesichtsausdrücken, und sie verunsichert Menschen bei der Beurteilung der Gesichtszüge. Das trifft besonders auf negative Emotionen wie Ekel, Wut und Trauer zu. Diese sind im Alltag zum Glück seltener zu beobachten, doch leider wird auch Freude bei maskierten Gesichtern deutlich schlechter erkannt.

Diese schlechtere Emotionserkennung auf maskierten Gesichtern verunsichert das Gegenüber und kann zu Missverständnissen führen. Um diesen vorzubeugen, ist es sinnvoll, in der Kommunikation mehr Gesten als üblich zur verwenden, gesprochenes stärker zu betonen, und auch ein paar mehr Worte zu sagen als üblich. Einfach um so explizit und implizit klarer zu kommunizieren.

Ein zweites Problem ist das Sprachverstehen, das durch die Maske ebenfalls beeinträchtigt ist, da wir unbewusst auch auf dem Mund achten, um gesprochenes zu verstehen. Lippenleser sind ja der Grund, warum sich Fußballspieler seit dem WM Finale 2006 mit Zidanes Kopfstoß, nun immer die Hand vor den Mund halten.

Deshalb sollte man mit Maske lauter und deutlicher sprechen und mehr Gesten verwenden. Das lauter und deutlicher sprechen ist besonders wichtig im Umgang mit älteren Personen, die häufig nicht mehr so gut hören und deutlich mehr auf das Lippenlesen angewiesen sind.

Sind die Beeinträchtigungen der zwischenmenschlichen Kommunikation durch das Tragen von Atemschutzmasken in Asien geringer als in Europa?

Wie wir grade gesehen haben, erschwert die Maske die verbale Kommunikation und verringert die Erkennbarkeit von Gesichtern und Emotionen. Frage ist, ob sich diese Beeinträchtigungen mit der Zeit verringern, weil man wir uns daran gewöhnen, mit maskierten Menschen umzugehen. Dazu gibt es aber keine Daten, denn in Europa tragen die Leute erst seit dem Frühjahr 2020 Masken während in Asien bereits seit Jahren von vielen Menschen freiwillig Masken im öffentlichen Raum getragen werden.  Wäre interessant zu wissen, ob in Asien weniger Probleme und Unsicherheiten beim Emotionserkennen auftreten. Dazu habe ich aber keine Studie gefunden und deswegen muss man sich die Antwort selbst erschließen in dem man sich Studien mit ähnlicher Fragestellung anschaut.

Ein Grund für deutlich schlechtere Emotionserkennung bei Maskenträgern liegt daran, dass die Mund-Nase Partie von der Maske verdeckt wird. Dieser Bereich ist, neben der Augenpartie zentral für das Erkennen von Emotionen. Zumindest in der westlichen Welt.

In asiatischen Ländern achten die Menschen jedoch mehr auf die Augenpartie, wenn sie die Emotionen ihrer Mitmenschen aus dem Gesicht ablesen wollen. Die Grafik mit den beiden Gesichtern stammt aus einer Studie von Rachael Jack und Kollegen von der Universität Glasgow und Montreal aus dem Jahr 2009. In dieser Studie wurde untersucht, ob es kulturelle Unterschiede zwischen Westeuropäern und Asiaten bei der Erkennung von Emotionen gibt, die per Gesicht ausgedrückt werden. Wie auch in der Maskenstudie der Universität Bamberg, hatten die Teilnehmer die Aufgabe, den Gesichtsausdruck einer Person einer Emotion zuzuschreiben. Die Forscher registrierten nicht nur die Antworten der Teilnehmer auf, sondern sie zeichneten auch die Blickbewegungen der Teilnehmer*innen auf, um festzustellen, welche Bereiche des Gesichts bei der Klassifikation von Emotionen betrachtet werden.

Die Heatmap mit den am meisten betrachteten Regionen (in rot) zeigt deutlich, dass zwischen Europäern und Asiaten klare Unterschiede bestehen. Wenn das Ziel ist, die Emotionen einer Person am Gesicht zu erkennen, scannen Europäer ein Dreieck aus Auge-Mund-Auge, während die Asiaten den Mund nahezu gar nicht beachten.

Weitere Studien anderer Forscher zeigten, dass für Europäer die Mundpartie mit Abstand am bedeutsamsten bei der Klassifikation von Emotionen ist (Calvo & Nummenmaab 2011) und dass es bei Japanern genau umgekehrt ist, d.h. die Augenpartie ist für Japaner viel wichtiger bei der Emotionsklassifizierung als die Mundpartie (Yuki et al, 2007). Diese unterschiedlichen Wahrnehmungsmodi und die unterschiedliche Rolle der Mundpartie bei der Emotionserkennung zeigt sich auch in der Gestaltung von Emojis und Emoticons, die in Asien und Europa sehr unterschiedlich ausfällt.

Emojis und Emoticons: japanische Emoticons zeigen den Mund als Strich oder Punkt

Emojis (Minigrafiken/Icons) und Emoticons (Zeichenkombinationen mittels Tastatur) haben in Zeiten sozialer Medien eine wichtige Rolle in der Kommunikation da sie Emotionen nonverbal und sehr effizient kommunizieren. So verarbeiten die Gehirne junger Menschen, die in Zeiten von Smartphone und Social Media aufgewachsen sind, das Emoticon 🙂 (lächelndes Gesicht aka Smiley) genau in der gleichen Hirnregion, in der sonst Gesichter verarbeitet werden (Churches et al., 2014). In anderen Worten, ein Smiley ist ein kulturell übererlerntes Symbol, das vom Gehirn intuitiv „konfigural“ verarbeitet wird und so verstanden wird, wie ein „richtiges“ Gesicht.

Die Emoticons sind ein Produkt unserer Kultur und spielgeln somit auch wieder, worauf in der jeweiligen Kultur genau geachtet wird. Inspektion der Tabelle mit den beiden Flaggen, zeigt der geneigten Leserin, dass die Emoticons die wir im Westen (bsp. EU) verwenden immer eine Rundung für dide Mundstellung beinhalten, die enweder als Klammer )( oder als D gezeigt wird. Die Augen sind jedoch nur Doppelpunkte: oder ein Semikolon ;.

In Japan liegt die Betonung bei Emoticons ganz klar auf den Augen ^_^ (lachender Smiley) bzw. ^.^ (lächelnder Smiley) und der Mund wird nur als Punkt oder Strich dargestellt.

Nun kommen wir zu unserer letzten Frage:

Warum achten Asiaten weniger auf den Mund und mehr auf die Augenpartie?

Dazu gibt es verschiedene Hypothesen. Eine sagt, dass Asiaten in sozialen Situationen sehr häufig bis nahezu immer lächeln, egal wie sie sich fühlen. Und dass das Lächeln deshalb keinen Informationsgehalt hat, und somit nicht weiter dabei hilft, herauszubekommen, welche Emotion das Gegenüber gerade empfindet. Deswegen würden die Asiaten eher auf die Augenpartie achten, wenn sie feststellen wollen, was ihr Gegenüber gerade empfindet.

Die zweite Hypothese beruht auf der Tatsache, dass der persönliche Kommunikationsstil eines jeden Menschen stark von der eigenen Kultur abhängt. In individualistischen Kulturen lassen Menschen ihren Emotionen in der Kommunikation mehr freien Lauf lassen als in kollektivistischen Kulturen. In kollektivistischen Kulturen geht es darum, „nicht das Gesicht zu verlieren“ und eigene Emotionen bzw. den Ausdruck derselben zu kontrollieren, z. B. indem Mensch häufig lächelt, auch wenn einem nicht danach zu Mute ist. Der Mund bzw. das Lächeln sind deutlich einfacher zu kontrollieren, als die Augenpartie und häufig gelingt es eben bei der Augenpartie nicht, zu verbergen, was Mensch fühlt oder was Mensch denkt. Deshalb achten die Asiaten mehr auf die Augenpartie und sind folglich in der nonverbalen Kommunikation von Emotionen auch nicht so sehr durch das Tragen einer Maske beeinträchtigt, wie wir Europäer das sind.

Die kollektivistische Kultur Asien mag also ein weiterer Grund dafür sein, dass es in Asien deutlich weniger Opposition gegen das Tragen von Atemschutzmasken gibt als in den Ländern des Westens. Und natürlich nutzen die Asiaten Atemschutzmasken schon deutlich länger als wir. Freiwillig. Vielleicht störten die Masken Asiaten nicht nur weniger als uns, sondern vielleicht haben sie noch weitere Vorteile, über den Gesundheitsschutz hinaus. Denn Maske tragen befreit von dem Druck, sich und den eigenen Gesichtsausdruck ständig kontrollieren zu müssen, um nicht aus der Masse zu fallen und so auszusehen wie die anderen, ohne das Gesicht zu verlieren. So kann die Maske in Asien ein Zeichen von Inklusion werden, was ein weiterer Vorteil in einer kollektivistischen Kultur ist.

Bei uns wurde am 18. November 20 das Infektionsschutzgesetz vom Bundestag in Berlin beschlossen. Zeitgleich fanden vor dem Reichstagsgebäude Demonstrationen gegen eben dieses Gesetzt und gegen Diverse Coronamaßnahmen statt. Die Demo wurde mit Wasserwerfern von der Polizei aufgelöst, unter anderem weil die viele Demonstranten den Mindestabstand nicht einhielten und gegen die Maskenpflicht verstießen. Individualismus pur – mir ist nicht bekannt, dass die Menschen in Asien gegen die Corona Maßnahmen ihrer Regierungen oder gegen die Maskenpflicht auf die Straße gegangen sind. Im Gegenteil, in Asien werden schon seit Jahren freiwillig Masken getragen. In vielen asiatischen Großstädten sind Atemschutzmasken schon seit vielen Jahren eher die Regel als die Ausnahme.

Warum das so ist, erkläre ich in meinen nächsten Blog bzw. Video, in dem es um die Beziehung zwischen der pandemischen Historie eines Landes und dem Grad ihrer kollektivistischen Orientierung geht. Klingt kompliziert, ist es aber nicht.

Als Vorgeschmack eine Grafik, die die Anzahl der bestätigten Coronafälle pro Million Bewohner im rollierenden 7 Tages Durchschnitt zeigt.

https://ourworldindata.org/coronavirus-data-explorer?zoomToSelection=true&time=2020-03-01..latest&country=IND~USA~GBR~FRA~ITA~KOR~TWN~JPN~ESP&region=World&casesMetric=true&interval=smoothed&perCapita=true&smoothing=7&pickerMetric=total_cases&pickerSort=desc

Spannend sind die Asiatischen Staaten (unten rechts), die mit Abstand die niedrigste Inzidenz haben und allesamt kollektivistische Demokratien sind (China habe ich bewusst rausgelassen, da keine Demokratie), in der Mitte ‚Old Europe‘ mit den big four Countries der EU (D, ES, F,  I). Oben rechts unsere englischsprachigen ehemaligen ‚Weltmächte‘  USA und UK. Deren Kultur mit Abstand am höchsten auf der Individualismusskala von Hofstede scoren. UK geht seit Ende Dezember durchs Dach, weil es wohl eine mutierte Variante des Covid-19 Virus gibt, die noch ansteckender, aber nicht tödlicher, sein soll (wird noch untersucht – Stand 09.Jan.21).

Quellen:

Carbon Claus-Christian (2020). Wearing Face Masks Strongly Confuses Counterparts in Reading Emotions. Frontiers in Psychology, VOL11, 2020. DOI=10.3389/fpsyg.2020.566886

Rachael E. Jack, Caroline Blais, Christoph Scheepers, Philippe G. Schyns, Roberto Caldara (2009), Cultural Confusions Show that Facial Expressions Are Not Universal, Current Biology, Volume 19, Issue 18, 2009, Pages 1543-1548, ISSN 0960-9822, https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.07.

Park, J., Baek, Y.M. and Cha, M. (2014), Cross‐Cultural Comparison of Nonverbal Cues in Emoticons on Twitter: Evidence from Big Data Analysis. J Commun, 64: 333-354. https://doi.org/10.1111/jcom.12086.

Churches, Owen & Nicholls, Mike & Thiessen, Myra & Kohler, Mark & Keage, Hannah. (2014). Emoticons in mind: An event-related potential study. Social neuroscience. 9. 10.1080/17470919.2013.873737. 

Yuki, M., Maddux, W. W., & Masuda, T. (2007). Are the windows to the soul the same in the East and West? Cultural differences in using the eyes and mouth as cues to recognize emotions in Japan and the United States. Journal of Experimental Social Psychology, 43(2), 303–311. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2006.0.

Wer 70 Stunden pro Woche surft, könnte evtl. etwas verpassen.

“fear of missing out” ist ein großes Thema im Internet und wir oft als Grund für exzessives Onlineverhalten genannt. Man will nichts von dem verpassen, was grade im eigenen Netzwerk bzw. in der eigenen Blase passiert. Dabei gibt es auch außerhalb des Internets viele Dinge, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt. Um das zu illustrieren habe ich mir drei Themen rausgesucht, die am Donnerstag den 2. Juli 2020 in den Nachrichten waren, aber von denen ich annehme, dass sie es nicht in die Blasen der Jugendlichen geschafft haben, obwohl sie sehr relevant für ihre Gegenwart und Zukunft sind:

  1. Der Bundestag beschloss die Einführung der Grundrente für einkommensschwache Rentner
  2. Der zweite Nachtragshaushalt 2020 wurde im Parlament beschlossen
  3. Die Postbank veröffentlichte die Jugend-Digitalstudie 2020

Beginnen wir mit dem 2. Nachtragshaushalt der Bundesregierung. Zur Erinnerung: Anfang des Jahres war noch die Rede von der „schwarzen Null“, d. h. der Möglichkeit, daß der Bundeshaushalt zum ersten Mal seit Jahren keine Neuverschuldung aufwies. Stattdessen sollten die geplanten Einnahmen von 362 Mrd. Euro, exakt den geplanten Ausgaben entsprechen. Das wäre eine kleine Sensation gewesen, um die uns andere große EU Länder wie Italien oder Frankreich beneidet hätten.

Aufgrund der Corona Krise werden jedoch, entgegen der ursprünglichen Planung mit der schwarzen Null, Steuermindereinnahmen von rund 60 Mrd. Euro (z. B. aufgrund der MwSt-senkung am 1. Juli) erwartet. Gleichzeitig steigen durch die beiden Nachtragshaushalte die geplanten Ausgaben auf insgesamt 509,3 Mrd.. Grund ist die Ankurbelung der Wirtschaft und Abminderung der Corona Effekte (z. B. durch Kurzarbeitergeld für 7 Mio. Arbeitnehmer). Unterm Strich geht der neue Bundeshaushalt 2020 von einer Neuverschuldung von 218.5 Mrd. Euro aus. Das wurde am 2. Juli von der Koalitionsmehrheit aus CDU/CSU und SPD verabschiedet – gegen die Stimmen von AfD, FDP und Linken, bei Enthaltung der Grünen.

Diese Neuverschuldung addiert sich zu der bereits existierenden aktuellen Staatsverschuldung von rund 2.000 Milliarden (etwa 24.600€ pro Kopf), so dass diese dann um knapp 11% innerhalb eines Jahres steigen würde. Zu zahlen sind die Schulden, Schuldzinsen und Steuern primär von den Erwerbstätigen in Deutschland. Offensichtlich hat das in der Vergangenheit nicht allzu gut funktioniert, denn sonst betrüge die Pro-Kopf Verschuldung nicht rund 25.000 € pro Kopf.

https://steuerzahler.de/aktion-position/staatsverschuldung/staatsverschuldung/?L=0

Die Tilgung der Schulden wird angesichts der demographischen Entwicklungen in Deutschland nicht einfacher, denn in den nächsten Jahren wird die Mehrheit der Baby-Boomer in Ruhestand gehen und die Einnahmen des Staats werden sich wahrscheinlich signifikant verringern. Gleichzeitig werden, aufgrund der Überalterung der BRD Bevölkerung, die Ausgaben für Gesundheit, Rente und Pensionen deutlich steigen.

Wenn ich das mal an meiner eigenen Biographie verdeutliche, sieht das so aus: Allein in meinem Jahrgang 1963 gibt es knapp 1,4 Mio Bundesbürger, von denen die meisten wohl innerhalb der nächsten 10 Jahre aus dem Erwerbsleben ausscheiden und dann Rente beziehen werden. Wir Babyboomer stammen aus den geburtenstarken Nachkriegsjahrgängen, die bis zum geburtenstärksten Jahrgang 1964 ständig neue Rekorde in der Geburtenstatistik aufstellten. Mittlerweile hat sich die Geburtenrate, dank der Pille, höherer Bildung und Autonomie der Frauen, auf einem Niveau von rund 700.000 bis 800.000 Geburten pro Jahr eingependelt. So gab es im Jahr 2019 in Deutschland mit 778.119 Lebendgeborene, etwa halb so viele Geburten wie in meinem Geburtsjahr.

Die Lebenserwartung von uns Baby-Boomern dürfte, dank besserer Medizin, größerem Wohlstand und besserer Ernährung und gesünderem Lebenswandel so hoch liegen, wie noch nie zuvor in einer bundesdeutschen Rentenkohorte. Daran wird auch Corona nichts ändern, denn Corona führte (bis jetzt – also während der „1. Welle“) zu keiner Übersterblichkeit in Deutschland. Ganz im Gegenteil, die Sterbefälle im Jahr 2020 liegen bis dato (Anfang Juli 2020) um 2% unter dem Durchschnitt von 2016-2019.

Download von 3. November 2020. Die Übersterblichkeit um KW 33 herum liegt an der Hitzewelle des Sommers – nicht an Covid-19.

Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/_inhalt.html#sprg234180

Das Verhältnis von Beitragszahlern zu Altersrentnern in der gesetzlichen Rentenversicherung wird sich weiterhin ungünstig für die Beitragszahler entwickeln. 1962, zu den Hochzeiten des Baby-Booms kamen im früheren Bundesgebiet sechs Beitragszahler auf einen Empfänger (Verhältnis 6:1). Heute ist das Verhältnis etwa 2:1, d.h. es gibt derzeit doppelt so viele Einzahler wie Empfänger. Im Jahr 2040, wenn nahezu alle Baby-Boomer aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, wird das Verhältnis wohl bei 1:1,5 liegen.

Quelle und mehr interessante Charts auf : https://www.demografie-portal.de/SharedDocs/Informieren/DE/ZahlenFakten/Beitragszahler_Altersrentner.html

Die Rentenkassen sind jetzt schon überlastet und aufgrund der Corona Krise steigt 2020 die Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, während die Einnahmen der Rentenkassen und des Bundes sinken. Der Bund will die Renten auf keinen Fall kürzen und die Bundesregierung möchte den Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung (derzeit 18,6%) auf max. 20% deckeln. Ein potentieller Grund hierfür ist, dass solche Maßnahmen unpopulär für das Hauptwählerklientel der etablierten Parteien wären und so die Wiederwahl der Politiker gefährden würden. Erfahrungsgemäß sind Kürzungen und Einschränkungen unpopulär und werden vom Wähler nicht goutiert – siehe die Gelbwestenproteste gegen die Rentenreform von Macron in Frankreich.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch gut nachvollziehen, daß es am 1. Juli 2020 zu einer planmäßigen Rentenerhöhung von 3,45% (Westen) bzw. 4,2% (Osten) kam – trotz Coronakrise, trotz prognostizierten 60 Milliarden Steuermindereinnahmen für 2020, trotz Rekord-Neuverschuldung. Mit anderen Worten, während viele Arbeitnehmer deutlich weniger Geld zur Verfügung hatten, z. B. die 7 Mio Kurzarbeiter oder die gesamte Event-, Messe- und Gastrobranche, wurde die Rente der Lohnentwicklung des vergangenen Jahres angepasst – als sei alles so wie immer und als gäbe es keine Corona Krise. Nun könnte man ja denken, dass dann nächstes Jahr die Renten sinken würden, falls es dieses Jahr aufgrund von Corona zu einer negativen Entwicklung der Löhne käme. Aber so ist es nicht: eine gesetzlich verankerte „Rentengarantieklausel“ sorgt nämlich dafür, dass die Renten niemals fallen. D. h. die Rente steigt, wenn die Löhne im Vorjahr stiegen, und falls die Löhne konstant bleiben oder fallen, bleibt das Rentenniveau konstant. Offensichtlich haben Rentner eine stärkere Lobby als Schüler und Studenten, deren Bafög nicht automatisch jährlich steigt, falls das Lohnniveau steigt.

Man braucht nicht besonders gut in Mathe zu sein, um zu sehen, dass der Bund die Rentenkassen in Zukunft noch massiver unterstützen muss (derzeit liegt der Bundeszuschuss zu den Renten bei knapp 100 Mrd. jährlich.) Das wird nicht ohne eine weitere Verschuldung des Staates gehen, auch nach Corona. Hasta la vista, schwarze Null.

Bezahlen müssten diese Schulden, falls sie überhaupt jemals bezahlt werden sollten, primär die jungen Menschen, die heute als Kinder und Jugendliche, in diesem unserem Land leben und während der letzten Monate wegen Corona nicht oder sehr unregelmäßig zur Kita, Schule oder Uni durften – weil sie hoch ansteckend sein könnten. Ob junge gesunde Menschen tatsächlich hoch ansteckend sind und deshalb Kitas, Schulen und Unis zu Corona Hotspots transformieren würden, das weiß „die Wissenschaft“ im Moment noch nicht und auch die guten Erfahrungen in Ländern mit offen Schulen, wie Dänemark, Schweden oder Südkorea, scheinen Skeptiker in der Regierung nicht zu überzeugen. Und so bleiben viele Kitas, Schulen und Universitäten geschlossen bzw. öffnen nur teilweise unter sehr strengen Auflagen mit deutlich reduziertem Lehrangebot.

Mich erstaunt, daß es seitens der Jugend keine nennenswerte Opposition gegen diese Entwicklungen gibt.  Daß die Jugend sich organisieren und demonstrieren kann, hat sie bei Fridays-for-Future gezeigt – als sie aktiv für Themen wie Umwelt, Konsumverzicht und Klimawandel auf die Straße ging. Allerdings kam dort der Impuls durch die Beharrlichkeit von Greta Thunberg, die mit ihrem Schulstreik für das Klima eine ikonische Führungsrolle übernahm und das Thema medienwirksam besetzen konnte und hierdurch viele Jugendliche mobilisieren konnte. Solch eine charismatische Person hat sich für das Thema Chancengleichheit für die Jugend noch nicht gefunden.

Statt zu demonstrieren gegen Chancenungleichheiten und Konsequenzen, die sich aus Schul- und Unischließungen oder der Staatsverschuldung zu Lasten zukünftiger Generationen ergeben, adaptieren Schüler und Studenten ihr Verhalten an die neue Situation und versuchen das Beste daraus zu machen. Das heißt für viele Jugendliche, dass sie nun anders lernen und anders Kontakt zu ihren Peers, Lehrern, Profs usw. halten.

Dabei spielt das Internet eine zentrale Rolle. Laut der Jugend-Digitalstudie 2020, deren Ergebnisse die Postbank am 2. Juli veröffentlicht hat, verbringen die 16-18 Jährigen, die im Corona Zeitraum April und Mai interviewt wurden, ihre Zeit vermehrt im Internet und zwar im Durchschnitt 71,5 Stunden pro Woche. https://www.presseportal.de/pm/6586/4640654

Im Vergleich zu den 58 Wochenstunden Onlinezeit, die in der gleichen Zielgruppe im Jahr 2019 gemessen wurden, entspricht das somit einer massiven Steigerung von 13,5 Stunden (23,3%). Das wären in der wirklichen Welt schon fast zwei Arbeitstage pro Woche! Die wöchentlichen 71,5 Stunden Internetkonsum entsprechen 10 Stunden täglich und wenn man von einer Schlafdauer von 8 Stunden pro Tag ausgeht, bleiben dann nur noch 6 Stunden pro Tag für Essen, Freunde und Familie treffen, Schule, Sport usw.. Mit anderen Worten: der Großteil der befragten Jugendlichen verbringt mehr als die Hälfte der persönlichen Wachzeit in seiner persönlichen Internet Blase.

Angesichts des zeitraubenden Internetkonsums ist es dann vielleicht doch nicht mehr so verwunderlich, dass es seitens der Jugendlichen kaum eine nennenswerte Opposition gegen die Coronaeinschränkungen der Schulen und Unis oder gegen die Staatsverschuldung gibt. Sie haben das vielleicht gar nicht komplett mitbekommen oder reflektiert. Denn wer 70 Stunden pro Woche surft, könnte eventuell etwas verpassen.

Und selbst falls sie es mitbekommen haben, das Internet macht die Coronamaßnahmen deutlich erträglicher und beruhigt ähnlich, wie es „Brot und Spiele“ schon bei den alten Römern taten.

Welchen Effekt hat die Anwesenheit einer attraktiven Frau auf die Performance von Männern?

Ich habe mich schon oft gefragt ob ich Dinge besser hinbekomme, wenn mir eine attraktive Frau zuschaut oder nicht.

Wie zu allem was es im Leben so an Fragen gibt, gibt es auch hier reichlich Studien in der Psychologie. Die mir bekannten Studien untersuchten jedoch nur die Wirkung von attraktiven Frauen auf die Leistung und das Verhalten von Männern, aber nicht umgekehrt.  In Zeiten von Political Correctness und Gender Gleichstellung (w/d/m) hätte ich natürlich gerne wissenschaftliche Untersuchungen zitiert, die die umgekehrte Frage untersuchen. Also die Frage, wie es sich auf die Performance von Frauen auswirkt, wenn ein attraktiver Mann zuschaut. Dazu habe ich leider keine Studien gefunden. Die Frage, der wir im Folgenden nachgehen, lautet deshalb:

Welchen Effekt hat die Gegenwart von attraktiven Frauen auf die Performance von Männern?

Hier schonmal die Antwort, für alle die es eilig haben:

Ja, attraktive Frauen haben einen Einfluss auf die Performance von Männern. Welchen Effekt sie haben, hängt hauptsächlich von drei Faktoren ab:

  1. Art der Aufgabe und der Fähigkeiten, die erforderlich sind (grobmotorisch, feinmotorisch, kognitiv)
  2. Schwierigkeit der Aufgabe (einfach vs. schwierig)
  3. Übung /Kompetenz des Mannes in der Aufgabenstellung

Vorab: die Gegenwart einer attraktiven Frau führt bei vielen Männern zu einer höheren Testosteronausschüttung.

Testosteron führt nicht nur zur Ausbildung des männlichen Phänotyps (Muskelmasse, Bart, dunkle Stimme…) sondern wirkt sich auch auf das Verhalten und Erleben einer Person aus und führt z.B. zu erhöhtem Risiko-, Kampf-, Imponier- und Balzverhalten (posing). Das kann sich je nach Aufgabenstellung positiv oder negativ auf die Performance des Mannes auswirken. Testosteron wirkt natürlich nicht nur bei Männern, wie eine Studie in Nord Amerika illustriert, die fand, dass sowohl Frauen als auch Männer mit höherem Testosteronlevel mehr Sexpartner haben (1).

Die Frage wie sich die Gegenwart von attraktiven Frauen auf die Perfomance eines Mannes auswirkt, ist somit eng verwandt mit der Frage, wie sich ein erhöhter Testosteronspiegel auf die Performance eines Mannes auswirkt. Hier ein paar Ergebnisse aus Studien in verschiedenen Domänen.

Bei kognitiven Aufgaben führt die Gegenwart einer attraktiven Frau sowohl zu positiven als auch negativen Effekten auf die Performance des Mannes

Im Bereich der kognitiven Denkaufgaben erreichen Männer in der Gegenwart von attraktiven Frauen eine bessere Performance, wenn sie diese oder ähnliche Aufgaben schon häufig gemacht haben, also viel Übung haben und die Aufgabenerledigung quasi schon automatisiert ist. Ist der Mann nicht so geübt und muss er viel mentale Ressourcen in die Aufgabenerledigung stecken, wird seine Performance in der Gegenwart einer attraktiven Frau oft schlechter, denn die Frau lenkt ihn ab und die hohe Testosteronausschüttung führt zu einer Überaktivierung, die seine Performance beeinträchtigen kann.

Alltagstipp: Wenn man als Mann eine kognitive Aufgabe nicht wirklich gut kann, sollte Mann sich dabei nicht von einer attraktiven Frau zuschauen lassen.

Viel interessanter ist es aber zu schauen, was passiert, wenn ein Mann eine Aufgabe ausführt, bei der es auf seine körperliche Leistungsfähigkeit ankommt.

Im Ausdauersport mit einfachen Anforderungen an die Koordination erhöht die Gegenwart von attraktiven Frauen die männliche Performance

In verschiedenen Studien mit männlichen Sportlern wurde gezeigt, dass Männer im Ausdauersportarten oder -übungen, z.B. Radfahren oder Zirkel-Training, bessere Leistungen erzielen, wenn attraktive Frauen neben den Geräten stehen und die Männer offensichtlich beobachten, z. B. in dem sie die gezeigte Leistung messen und notieren. Relativ zu einer Bedingung, in der ein neutraler männlicher Beobachter zuschaut und die Leistung misst.

Alltagstipp: beim neuen Rekordversuch im Leistungssport gerne mal Heidis Topmodells als Zuschauerinnen oder Ringrichterinnen einladen, dann geben die Jungs alles.

Ein weiteres spannendes Ergebnis zeigt sich in Situationen, in denen Männer Aufgaben ausführen, die zwar körperlicher Natur sind, aber ein gewisses Risiko mit sich bringen: z. B. riskante Stunts bei einem Red Bull Challenge. Dazu gibt es eine nette Studie mit jungen Skatern, die wir uns nun zum Abschluss anschauen wollen.

Attraktive Frauen führen zu riskanterem Verhalten bei jungen Männern.

In einer Feldstudie (3) in einem Skateboardpark in Brisbane, Australien, wurden junge Skater im Alter von 18-35 Jahren gebeten, Skateboard-Tricks zu zeigen, die sie nicht perfekt beherrschten. Diese Anweisung kam entweder von a) einem männlichen Versuchsleiter oder b) einer attraktiven jungen Frau. Diese Frau war 18 Jahre alt und ihr Foto hatte auf einer vorher validierten Attraktivitätsskala von 1 bis 7 einen Wert von 5,58.  Anekdotisch wird in dem Paper vermerkt, dass die Skateboard Jungs die 18 Jährige sehr attraktiv fanden, denn zahlreiche Teilnehmer fragten sie an ihrer Telefonnummer…

Wenn die attraktive Frau die Anweisungen gab, stieg nicht nur der Testosteronwert der Jungs (gemessen per Speichelprobe) sondern auch das Risikoverhalten, relativ zu der Bedingung, in der der männliche Versuchsleiter die Anweisungen gab. Die Jungs zeigten gefährlichere Tricks und brachen ihre Versuche auch seltener ab. Das führte zu mehr Stürzen aber auch zu mehr gelungen und schwierigeren Tricks.

Die Ergebnisse lassen sich dem höheren Testosteronspiegel erklären, der ja bekanntermaßen zu risikoreicherem und kompetitiverem Verhalten führt. Aber welchen Zweck hat eine solche Testosteron- und Risikoerhöhung – was bringt das den Jungs? Stehen Frauen auf so Typen, die Risiken eingehen und waghalsige Tricks ausprobieren? Ist das so eine Art Balzverhalten? Wollten die Jungs der attraktiven Frau imponieren, und ihr zeigen, wie fit, sportlich, geschickt und risikobereit sie sind? In der Hoffnung, dass sie dadurch selbst attraktiver für die attraktive Frau werden?

Hierzu gibt es eine interessante Studie aus der Schweiz, die folgende Frage untersuchte:

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der physischen Attraktivität eines Mannes für das andere Geschlecht und seiner sportlichen Ausdauer?

Eine Studie der Universität Zürich (4) zeigte, dass Männer mit mehr Ausdauer im Sport (in diesem Falle Rad fahren) von Frauen als attraktiver beurteilt wurden. Die Studienteil-nehmerInnen beurteilten jeweils 40 von 80 Portraitfotos männlicher Radrennfahrer, die an der Tour de France des Jahres 2012 genommen haben, bezüglich ihrer Attraktivität. Es gab drei Teilnehmergruppen: a) Frauen die die Antibabypille als Verhütungsmittel nahmen, b) Frauen, die keine Antibabypille nahmen und c) Männer.

Die Portraitfotos der Radprofis waren am Tag vor dem Start der Tour de France aufgenommen worden und zeigten den Kopf, Nacken und Schulterbereich der Radprofis und waren standardisiert bzgl. Ausleuchtung, Abstand und Hintergrund. Die TeilnehmerInnen hatten die Aufgabe, die auf den Portraits abgebildeten Personen auf einer Skala von 1 bis 5 bezüglich ihrer Attraktivität zu beurteilen, im Anschluss sollten sie auch noch die Männlichkeit (masculinity) und Sympathie (likability) der Portraits beurteilen und angeben, ob ihnen der Radprofi bekannt war. Die Frauen, die keine Antibabypille nahmen, wurden auch noch zum Zeitpunkt ihrer letzten Menstruation befragt – um festzustellen, in welcher Phase ihres Zyklus sie sich gerade befanden.

Die Attraktivitäts-, Maskulinitäts- und Likability-beurteilungen wurden dann mit der Ausdauerleistung in der Tour de France (operationalisiert über die Performance in den beiden individuellen Zeitfahren, und der Gesamtplatzierung) korreliert, um zu sehen, ob es einen Zusammenhang zw. Ausdauer, Attraktivität, Maskulinität und Likability gab und ob dieser Zusammenhang sich zw. Frauen mit und ohne Antibabypille und Männern unterschied. Die Idee war, dass Frauen, die keine Antibabypille nahmen und grade in der Eisprungphase waren, den höchsten Zusammenhang (Korrelation) zwischen Ausdauer und Attraktivität finden würden – eben weil sie in der Eisprungphase besonders empfänglich für Signale von hoher männlicher Fitness (körperliche Ausdauer) sein sollten.

Die Ergebnisse zeigten eine signifikant positive Korrelation zw. Attraktivität und Ausdauer, d.h. Radprofis mit mehr Ausdauer (besserer Tour de France Performance) wurden als attraktiver wahrgenommen. Aber auch zw. Attraktivität und Alter (29,6 Jahre am Attraktivsten), Größe und Gewicht der Fahrer (je größer und schwerer, desto attraktiver) gab es jeweils positive Korrelationen.

Spannend war, dass die Daten der Frauen, die keine Antibabypille nahmen, den größten Zusammenhang zw. Attraktivität und Leistung zeigten– wobei es keine Rolle spielte, in welchen Stadium ihres Menstruationszyklus sie sich befanden. Für die Antibabypillen-Frauen und die Kontrollgruppe der Männer fand sich ein deutlich kleiner Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Attraktivität der Radrennfahrer und ihrer Ausdauerleistung. Beide Gruppen, Frauen mit Antibabypille und Männer, unterschieden sich diesbezüglich nicht.

Kurz: Männer, die eine höhere sportliche Ausdauer haben, werden als attraktiver beurteilt. Das Ergebnis ist besonders deutlich für Frauen, die keine Antibabypille nehmen.

Warum ist das so?

Vor dem Hintergrund von Evolution und Partnerwahl sind die Ergebnisse aus der Studie sehr plausibel, denn Männer mit hoher körperlicher Fitness sollten leistungsfähiger und erfolgreicher sein, z. B: beim Jagen, und so mehr zum Unterhalt der Familie beitragen können bzw. sie besser schützen können. Außerdem sollte sich mit ihnen auch leistungsfähiger und attraktiver Nachwuchs zeugen lassen. Deshalb sollten diese gut aussehenden und ausdauernden Männer insbesondere für Frauen im gebärfähigen Alter attraktiver sein, insbesondere wenn sich nicht schwanger sind und keine hormonelle Verhütung nehmen (die Antibabypille liefert dem Körper Hormone, die eine Schwangerschaft vortäuschen). Folglich fanden die Frauen, die keine Antibabypille nahmen, auch die höchste Korrelation zw. Ausdauer und Attraktivität der Tour de France Profis.  

Solche Ergebnisse passen sehr gut zu der „Parental Investment“ Theorie, die 1972 von dem amerikanischen Soziobiologen Robert Trivers aufgestellt wurde. Laut der Theorie sollte es immer dann zu innergeschlechtlichem Wettbewerb (Jungs gegen Jungs, Mädchen gegen Mädchen) kommen, wenn es zwischen den Geschlechtern eine Ungleichheit bzgl. des Aufwandes bei der Fortpflanzung bzw. Elternschaft gibt. Das Geschlecht mit dem geringeren Elternaufwand ist im Wettbewerb um Paarungspartner (bietet sich an, kämpft, balzt…) und das Geschlecht mit dem größeren Elternaufwand wählt aus. Im Tierreich, insbesondere bei Säugetieren, haben üblicherweise die Weibchen den größeren Elternaufwand (austragen, stillen, erziehen) und wählen deshalb die Männchen aus. Letztere haben stehen untereinander im Wettbewerb um den sexuellen Zugang zu den Weibchen.

Auch bei uns Menschen haben, rein biologisch gesehen, die Frauen einen weit größeren Elternaufwand als die Männer. Das Mindestinvest eines Mannes in die Vaterschaft, ist die Energie und Zeit, die er in seine Spermien und Akt der Befruchtung (i.d.R. durch Beischlaf) „investiert“ hat. Ab da wächst die befruchtete Eizelle von allein in der Frau weiter und der Mann ist, rein biologisch gesehen, raus aus der Nummer. Eine Frau investiert deutlich mehr Ressourcen in ihren Reproduktionsprozess als der Mann, z.B. eine Schwangerschaft von 9 Monaten, erhöhten Nahrungsbedarf während Schwangerschaft und Stillzeit, eine gefährliche und schmerzhafte Geburt etc.

Daraus folgt, laut Parental Investment Theorie, dass gebärfähige Frauen deutlich wählerischer als Männer bei der Auswahl ihrer Partner sein sollten und hohe Ansprüche an ihre Zeugungspartner haben sollten. Wenn sie besonders gesunde und leistungsfähige Nachfahren wollen, sollten sie bei der Auswahl ihrer Sexualpartner auf Eigenschaften wie Fitness, Gesundheit, Intelligenz oder Character achten – insbesondere, wenn keine Verhütungsmittel zu Einsatz kommen. Viele dieser Eigenschaften lassen sich an äußeren Merkmalen des Partners ablesen, z. B. zeigt sich physische Fitness in sportlichen Leistungen und „gute“ Gene zeigen sich in gesundem Aussehen und symmetrischen Gesichts- und Körperproportionen. Und damit diese Eigenschaften besonders gut zur Geltung kommen, hängten die Jungs sich beim Skaten besonders rein, wenn eine attraktive Frau, also eine potentielle Paarungspartnerin, in der Nähe war. Sie wollen zeigen was sie drauf haben und so die Chance erhöhen, von dem attraktiven Weibchen bemerkt und gewählt zu werden.

Was hat das Imponierverhalten von Deutschrappern mit dem Handicap Prinzip zu tun?

Aus der Parental Investment Theorie folgt auch, dass Männer versuchen sollten, attraktive Frauen auf sich, ihre guten Gene und ihre hohe Leistungsfähigkeit aufmerksam zu machen. Im Tierreich hat z. B. der Pfau ein aufmerksamkeitsstarkes Federkleid, mit dem er beim Balzen seine genetische Fitness demonstriert und so Weibchen zur Paarung animieren will. Der Spaß nennt sich „Handicap Prinzip“ (5) und besagt u. A., dass manche Männchen sich eine extra schwere Last aufbürden (das „Handicap“ (engl. Behinderung/Belastung) z. B. ein prachtvolles Federkleid zur Balzzeit, ), um den Weibchen zu zeigen  was sie für ein toller Typ sind, getreu nach dem Motto: „schau mal was ich für tolle Gene habe, ich kann es mir sogar leisten, ein riesiges ‚unnützes‘ Pfauenrad zu haben und es offen zur Schau zu tragen, obwohl es mich eine Menge Ressourcen kostet es erstmal aufzubauen, obwohl es mich im Alltag behindert, obwohl ich damit zur leichten Beute für Jäger werde“.

Diese Signale sind, aus Sicht der Evolution, „teuer“, denn sie verschlingen eine Menge Ressourcen und bieten keinen offensichtlichen Nutzen, außer eben eine Partnerin anzuziehen oder sein Revier abzustecken. Man denke an ein Hirschgeweih, den Gesang von Vögeln oder eben den Pfau, der sein prachtvolles Gefieder zeigt. Früher nannte man solche Typen Angeber – heute Poser.

Das Verhalten des Pfaus erinnert an die Mercedes AMG Fahrer, die auf dem Jungfernstieg in Hamburg oder dem Berliner Bahnhof Zoo posen, um den Mädels und ihren Kumpels zu imponieren – das wird dann auch mal gerne gepostet auf Instagram, TikTok oder YouTube…

Ein fettes Auto, z.B. ein AMG Mercedes, in der Stadt ist unpraktisch und unnötig: schlecht zu parken, kostet viele Ressourcen (Leasingrate, Versicherung und Benzin), kann nicht schnell gefahren werden – dass passt gut zur Handicap Theorie und dem ‚nutzlosen‘ Pfauenrad. Der AMG ist ein aufmerksamkeitsstarker Hingucker, besonders wenn man dann auch noch eine fette Soundanlage installiert und die halbe Innenstadt beschallt und burn-outs noch ein Gummimuster auf den Asphalt brennt.

Es ist faszinierend zu sehen, wie offensichtlich das Handicap Prinzip und Männliches Balz- und Imponierverhalten in der Rap Szene zum Einsatz kommt. Einfach mal zum Spaß ein paar Deutsch-Rap Videos anschauen und auf die Texte achten:  z.B. Farid Bang: https://www.youtube.com/watch?v=8V-I_nSoKnE oder Bushido und Capital Bra https://www.youtube.com/watch?v=r8dzrU2Zkao.

Die Jungs sind NICHT blöd – sie sind erstaunlich reflektiert – das was sie abliefern hat stellenweise philosophische Qualitäten – da kann ich mit meinem PhD einpacken. Die Jungs checken was geht und sind analytisch https://www.youtube.com/watch?v=Teh5afBYdas.

In den Videos sehen wir bündelweise 500 Euroscheine, endlos Markenklamotten, massig Sex und Erotik kombiniert mit Drogen, Kriminalität, Gewalt, Macht und Kreativität in Form von Sprachwitz. Einen auf dicke Hose machen und alles um- oder flachlegen, was sich einem in den Weg stellt. Yalla, Bratan.

  1. van Anders, S. M., Hamilton, L. D., & Watson, N. V. (2007). Multiple partners are associated with higher testosterone in North Americanmen and women. Hormones and Behavior, 51, 454-459.
  2. Postma E. 2014 A relationship between attractiveness and performance in professional cyclists. Biol. Lett. 10: 20130966.  http://dx.doi.org/10.1098/rsbl.2013.0966
  3. Ronay, R., von Hippel,  W. (2010). The Presence of an Attractive Woman Elevates Testosterone and Physical Risk Taking in Young Men. Social Psychological and Personality Science, 1(1) 57-64.  DOI: 10.1177/1948550609352807
  4. Trivers, Robert (1972)Parental Investment and Sexual Selection. In: Bernard Grant Campbell (Hrsg.): Sexual Selection and the Descent of Man. 1871-1971. Heinemann, London 1972, ISBN 0-435-62157-2, S. 136–179
  5. Zahavi, Amotz (1974): Mate selection – A selection for a handicap. In: Journal of Theoretical Biology. Band 53, Nr. 1, 1975, S. 205–214,  doi:10.1016/0022-5193(75)90111-3.

Warum und wie lügen Menschen auf Online-Dating Portalen?

Vor langer langer Zeit saß ich mal mit einem Freund in einer Kiezkneipe in Hamburg. Der Morgen dämmerte, die Kneipe war fast leer und es gab außer uns und der Bedienung noch eine Frau, die allein am Tresen saß. Mein Freund fand sie attraktiv und ging schließlich zu ihr rüber. Er sagte etwas zu ihr, sie sah ihn unfreundlich an und antwortete kurz. Nach 10 Sekunden war er wieder zurück, setze sich wieder auf den Barhocker neben mir und nahm wortlos sein Bier. Ich fragte „Was war denn? Was hast du denn zu ihr gesagt, dass ihr nicht mal ein paar Worte geredet habt?“ Er schaute mich an und sagte, er hätte nur eine Frage gestellt: „Na, bist du auch schlecht drauf?“

Offensichtlich ist das nicht der optimale Einstieg in ein anregendes Gespräch, es sei denn, man trifft sich im Wartezimmer eines Spezialisten für Depressionen und möchte gerne Empathie zeigen.

Heute bahnt sich ca. jede 3. Beziehung im Internet an und Statista schätzt den Umsatz von Online-Datingservices in Deutschland auf ca. 210 Mio Euro für das Jahr 2020. Vielleicht wird es wegen Corona noch mehr, weil Treffpunkte wie Bars, Clubs, Discos, Kneipen geschlossen sind, oder wegen der Maskenpflicht. Wobei letztere für einige Partnersuchende sicherlich ein Vorteil ist – nicht nur wegen wegmaskiertem Mundgeruchs (durch Aerosole) und schlechter Zähne.

Egal wo und wie man sich kennen lernt, die Chancen auf ein erfolgreiches Date erhöhen sich, wenn man sich positiv darstellt, eine „Bella Figura“ macht und sich möglichst gut und situationsadäquat verkauft. Wie Menschen sich darstellen hängt davon ab, mit welchem Ziel sie in welchem Kontext sie unterwegs sind. Bei Partnersuchportalen im Internet, bei denen es um dauerhafte Partnerschaften geht, stellen sich Partnersuchende anders dar als bei Dating Portalen wie Tinder, bei denen es um schnellen Sex geht.

Da ich, mangels persönlicher Erfahrung in diesem Bereich, das Thema Online-Dating sehr spannend finde, habe mir einige wissenschaftliche Studien angeschaut, die analysiert haben, wie Menschen, die heterosexuelle Partner suchen, sich in ihren Online Profilen darstellen und wonach sie bei der Partnerwahl für dauerhafte Beziehungen suchen. Diese empirischen Studien haben tatsächliches Verhalten untersucht und sie alle zeigen, dass bei der Selbstdarstellung oft beschönigt bzw. nicht immer die Wahrheit gesagt wird. Letzteres ist nicht weiter schlimm, denn im Endeffekt wissen und erwarten beide Parteien, dass das Gegenüber versucht, sich möglichst positiv darzustellen, um so attraktiver zu wirken.

Dieses beschönigende Selbstdarstellen hat natürliche Grenzen, denn wenn sich beide Partner beim ersten Treffen Face to Face gegenüberstehen, wird schnell klar, ob hinsichtlich Größe, Gewicht oder Alter gelogen wurde – was einem vertrauensvollen Beziehungsaufbau nicht unbedingt förderlich ist.

Wer sich online präsentiert muss sich also genau überlegen, wie er sich darstellt, worauf das Gegenüber wohl stehen würde, wo beschönigen möglich und angebracht ist, und wo nicht.

Die Selbstdarstellung von Frauen und Männern unterscheidet sich, aufgrund von Faktoren wie kultureller Prägung, unterschiedlichen Rollenbildern und Geschlechterklischees.  Vielen Anzeigen kann man deutlich ansehen, welche Art von Beziehung jemand erwartet oder welche Rollenbilder die Partnersuche beeinflussen. Das greifen die Forscher im Bereich Partnersuche auch gern in den Titeln ihrer Studien auf, z. B.:  “Single white male looking for thin, very attractive.…” (1) oder “Your mother would like me”: Self-presentation in the personal ads of heterosexual and homosexual men and women.” (2).

Doch nicht nur die Kultur und unsere Sozialisierung, sondern auch unsere evolutionäre Vergangenheit, beeinflusst die Selbstdarstellung und das Suchverhalten bei der Partnerwahl. Auf Basis von evolutionspsychologischen und soziobiologischen Erkenntnissen zu Partnerwahl und sexueller Selektion (z. B. Robert Trivers Parental Investment Hypothese – Frauen = Gebärmaschine vs. Männer = Versorger), würde man tendenziell erwarten, dass Frauen sich eher in Bezug auf ihre physische Attraktivität (Fotos/Aussehen, Gewicht, Größe) positiver darstellen wollen, während Männer sich besonders positiv bei Status, Bildung und Einkommen darstellen wollen.

Studien im Bereich Partnersuche haben gezeigt, dass beide Geschlechterstrategien oft zielführend sind, denn sie fanden, dass Männer mit höherem Status und Einkommen mehr Frauenzuschriften bekamen, während höherer Status von Frauen nicht zu mehr Interesse bei Männern führte (3). In einer Metaanalyse älterer Studien aus den 1980er Jahren (4) zu Partnersuchportalen, zeigte sich, dass Frauen eher Partner suchten, die etwas älter als sie waren, einen höheren Sozial- und Bildungsstatus hatten und finanziell abgesichert waren, während Männer primär nach Frauen jüngeren Frauen mit attraktivem Aussehen suchten.  Der Titel „Men as Success Objects and Women as Sex Objects” bringt die damaligen Erkenntnisse auf den Punkt (5).

Diese o. g. Beispiele stammen aus der Zeit vor der Jahrtausendwende und basieren auf der Analyse von Zeitungsinseraten. Seitdem ist die Partnersuche nicht nur online gegangen, sondern Themen wie Gleichberechtigung, gender-equality, gender-diversity, Rassismus, Me-Too usw. wurden in den Medien immer präsenter. Political Correctness ist zu einem Alltagskonzept geworden und im Internet gibt es häufiger mal einen Shitstorm, wenn jemand sich nicht politisch korrekt äußert. Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu sehen, ob sich die alten Rollenmuster und Selbstdarstellungs- und Suchschemata immer noch in Kontaktanzeigen des 21. Jahrhunderts, in dem modernen Medium des Internets, finden.

In zwei Studien aus den Jahren 2007 & 2008 (5, 6), die Print- und Online heterosexuelle Partnersuchanzeigen aus dem New Yorker Village Voice Magazin untersuchten, wurden die Angaben zu Alter, Größe und Gewicht bzgl. ihres Wahrheitsgehalts und etwaigen Unterschieden zw. Frauen und Männern beim Beschönigen ihres Online-Inserates untersucht. Es zeigte sich, dass 81% der Studienteilnehmer mindestens bei einer Aussage zu Alter, Größe oder Gewicht falsche Angaben gemacht hatten. Generell waren die Beschönigungen eher klein und sie tendierten immer zu Mitte d. h. zum Durchschnitt: wer klein war machte sich größer; wer übergewichtig war, gab ein geringeres Gewicht an. Beim Gewicht schummelten die Frauen mehr als die Männer (gaben zu geringes Gewicht an) und bei der Größe schummelten die Männer mehr als die Frauen und machten sich größer als sie waren. Beim Alter wurde so gut wie nicht geschummelt – was auch daran gelegen haben könnte, dass die Teilnehmer der Studie recht jung waren.

In einer weiteren Studie der Autoren (9) untersuchten sie das Thema Profilbilder im Detail. Sie ließen unabhängige Experten die Online-Profilbilder mit dem tatsächlichen Aussehen der der Personen vergleichen und es zeigte sich, dass die Profilbilder von Frauen als weniger realitätsnah beurteilt wurden als die Profilbilder von Männern. Die Profilbilder von Frauen waren oft älteren Datums, öfter retuschiert (Haare, Hautzustand – Akne, Falten …) und öfter von professionellen Fotografen gemacht.

Ein ähnliches Ergebnis fand sich auch in einer interessanten Meta Analyse, die das Online-Dating Portal OKCupid auf Basis seiner eigenen Daten im Jahr 2010 ausgeführt hat (9). Das spannende an dieser Analyse ist, dass OKCupid sofort sehen konnte, welche Effekte die Manipulationen der Partnersuchenden auf die Anzahl Kontaktaufnahmen hatte:

  • Photos: je attraktiver ein Profilbild war, desto wahrscheinlicher war es veraltet. Das konnten die Forscher anhand der Tags mit dem Aufnahmedatum der Digitalfotos ermitteln. Sowohl Männer als auch Frauen posten ältere Bilder (auf denen sie logischerweise jünger waren), um attraktiver auszusehen. Mehr als 1/3 der attraktivsten Bilder (die Bilder die von anderen Usern am häufigsten mit „hot“ bewertet wurden) waren älter als ein Jahr und 12% der „hot“ Bilder waren älter als drei Jahre. Profile mit „hot“ Bildern wurden häufiger kontaktiert.
  • Größenangaben: Wie schon in den anderen Studien machten Männer und Frauen sich größer. Das führte aber zu unterschiedlichen Effekten: überdurchschnittlich große Männer bekommen überdurchschnittlich viele Anfragen, aber bei Frauen ist das nicht der Fall, sondern hier sinkt die Anzahl der Anfragen, wenn die Frauen überdurchschnittlich groß sind. Offensichtlich suchen Männer nach Frauen, die nicht größer als sie selbst sind, wohingegen Frauen größere Männer bevorzugen. Das ist aus Sicht von Frauen, die Partner mit hohem Einkommen oder Status suchen, sinnvoll, denn verschiedene Studien haben einen deutlichen Zusammenhang zwischen Größe des Mannes und seinem sozialen Status und Einkommen gefunden.
  • Einkommen: Männer übertrieben beim Einkommen mehr als Frauen. Je älter die Männer waren, desto mehr übertrieben sie beim Einkommen. Bei Männern unter 23 Jahren schien den Frauen das Einkommen egal zu sein, aber ab einem Alter von 23 Jahren stieg die Anzahl der Kontaktanfragen durch Frauen signifikant mit dem (angegebenen) Einkommen der Männer.

Fazit: Menschen wollen sich auf Online-Dating Portalen vorteilhaft präsentieren, um so Partner für sich zu interessieren. Viele der Online Dater scheuen sich dabei nicht, sich etwas positiver darzustellen, als es den Tatsachen entspricht. Dabei haben Männer und Frauen unterschiedliche Strategien, die sich sehr mit dem klassischen Rollenbild und den tradierten Stereotypen der Geschlechter decken. Frauen optimieren ihren Online-Auftritt eher hinsichtlich physischer Attraktivität und verwenden dazu neben schmeichelhaften und häufig schon älteren Fotos auch mal die ein oder andere Untertreibung bzgl. des Gewichts. Männer optimieren ihren Auftritt ebenfalls und übertreiben eher mal gerne beim Einkommen, Status oder bei der Körpergröße.

Beide Strategien führen (derzeit noch) zu mehr Kontaktanfragen und mehr Interesse beim jeweils anderen Geschlecht. Auch wenn es nicht politisch korrekt ist, nach Äußerlichkeiten und solchen Banalitäten wie Einkommen oder Bildung zu entscheiden, scheint es doch so, als würden die tradierten Rollenklischees und die evolutionäre Vergangenheit immer noch eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl spielen – auch in einem so modernen Medium wie dem Internet.

(1) Smith, J., Waldorf, V., & Trembath, D. (1990). “Single white male looking for thin, very attractive.…” Sex Roles, 23, 675–685

(2) Gonzales, M., & Meyers, S. (1993). “Your mother would like me”: Self-presentation in the personal ads of heterosexual and homosexual men and women. Personality and Social Psychology Bulletin, 19(2), 131–141.

(3) Hitsch, G. J., Hortacsu, A., & Ariely, D. (2004). What makes you click: An empirical analysis of online dating. Working paper. Retrieved July 18, 2005, from http://repositories.cdlib.org/cgi/viewcontent.cgi?article=1014&context=ucsc_econ_seminar

(4) Lynn, M., & Bolig, R. (1985). Personal advertisements: Sources of data about relationships. Journal of Social and Personal Relationships, 2, 377-383.

(5) Davis, E. (1990). Men as success objects and women as sex objects: A study of personal advertisements. Sex Roles, 23, 43–50.

(6) Hancock, J. T., Toma, C., & Ellison, N. B. (2007). The Truth about Lying in Online Dating Profiles. In Proceedings of the ACM Conference on Human Factors in Computing Systems, 449–452. San Jose, Calif.: ACM.

(7) Toma, C. , Hancock, J. , & Ellison, N. ( 2008). Separating fact from fiction: An examination of deceptive self-presentation in online dating profiles. Personality and Social Psychology Bulletin, 34, 1023-1036.

(8) Hancock, J.T. , & Toma, C. ( 2009). Putting your best face forward: The accuracy of online dating photographs. Journal of Communication, 59, 367-386.

(9) https://theblog.okcupid.com/the-big-lies-people-tell-in-online-dating-a9e3990d6ae2