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Warum und wie lügen Menschen auf Online-Dating Portalen?

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Vor langer langer Zeit saß ich mal mit einem Freund in einer Kiezkneipe in Hamburg. Der Morgen dämmerte, die Kneipe war fast leer und es gab außer uns und der Bedienung noch eine Frau, die allein am Tresen saß. Mein Freund fand sie attraktiv und ging schließlich zu ihr rüber. Er sagte etwas zu ihr, sie sah ihn unfreundlich an und antwortete kurz. Nach 10 Sekunden war er wieder zurück, setze sich wieder auf den Barhocker neben mir und nahm wortlos sein Bier. Ich fragte „Was war denn? Was hast du denn zu ihr gesagt, dass ihr nicht mal ein paar Worte geredet habt?“ Er schaute mich an und sagte, er hätte nur eine Frage gestellt: „Na, bist du auch schlecht drauf?“

Offensichtlich ist das nicht der optimale Einstieg in ein anregendes Gespräch, es sei denn, man trifft sich im Wartezimmer eines Spezialisten für Depressionen und möchte gerne Empathie zeigen.

Heute bahnt sich ca. jede 3. Beziehung im Internet an und Statista schätzt den Umsatz von Online-Datingservices in Deutschland auf ca. 210 Mio Euro für das Jahr 2020. Vielleicht wird es wegen Corona noch mehr, weil Treffpunkte wie Bars, Clubs, Discos, Kneipen geschlossen sind, oder wegen der Maskenpflicht. Wobei letztere für einige Partnersuchende sicherlich ein Vorteil ist – nicht nur wegen wegmaskiertem Mundgeruchs (durch Aerosole) und schlechter Zähne.

Egal wo und wie man sich kennen lernt, die Chancen auf ein erfolgreiches Date erhöhen sich, wenn man sich positiv darstellt, eine „Bella Figura“ macht und sich möglichst gut und situationsadäquat verkauft. Wie Menschen sich darstellen hängt davon ab, mit welchem Ziel sie in welchem Kontext sie unterwegs sind. Bei Partnersuchportalen im Internet, bei denen es um dauerhafte Partnerschaften geht, stellen sich Partnersuchende anders dar als bei Dating Portalen wie Tinder, bei denen es um schnellen Sex geht.

Da ich, mangels persönlicher Erfahrung in diesem Bereich, das Thema Online-Dating sehr spannend finde, habe mir einige wissenschaftliche Studien angeschaut, die analysiert haben, wie Menschen, die heterosexuelle Partner suchen, sich in ihren Online Profilen darstellen und wonach sie bei der Partnerwahl für dauerhafte Beziehungen suchen. Diese empirischen Studien haben tatsächliches Verhalten untersucht und sie alle zeigen, dass bei der Selbstdarstellung oft beschönigt bzw. nicht immer die Wahrheit gesagt wird. Letzteres ist nicht weiter schlimm, denn im Endeffekt wissen und erwarten beide Parteien, dass das Gegenüber versucht, sich möglichst positiv darzustellen, um so attraktiver zu wirken.

Dieses beschönigende Selbstdarstellen hat natürliche Grenzen, denn wenn sich beide Partner beim ersten Treffen Face to Face gegenüberstehen, wird schnell klar, ob hinsichtlich Größe, Gewicht oder Alter gelogen wurde – was einem vertrauensvollen Beziehungsaufbau nicht unbedingt förderlich ist.

Wer sich online präsentiert muss sich also genau überlegen, wie er sich darstellt, worauf das Gegenüber wohl stehen würde, wo beschönigen möglich und angebracht ist, und wo nicht.

Die Selbstdarstellung von Frauen und Männern unterscheidet sich, aufgrund von Faktoren wie kultureller Prägung, unterschiedlichen Rollenbildern und Geschlechterklischees.  Vielen Anzeigen kann man deutlich ansehen, welche Art von Beziehung jemand erwartet oder welche Rollenbilder die Partnersuche beeinflussen. Das greifen die Forscher im Bereich Partnersuche auch gern in den Titeln ihrer Studien auf, z. B.:  “Single white male looking for thin, very attractive.…” (1) oder “Your mother would like me”: Self-presentation in the personal ads of heterosexual and homosexual men and women.” (2).

Doch nicht nur die Kultur und unsere Sozialisierung, sondern auch unsere evolutionäre Vergangenheit, beeinflusst die Selbstdarstellung und das Suchverhalten bei der Partnerwahl. Auf Basis von evolutionspsychologischen und soziobiologischen Erkenntnissen zu Partnerwahl und sexueller Selektion (z. B. Robert Trivers Parental Investment Hypothese – Frauen = Gebärmaschine vs. Männer = Versorger), würde man tendenziell erwarten, dass Frauen sich eher in Bezug auf ihre physische Attraktivität (Fotos/Aussehen, Gewicht, Größe) positiver darstellen wollen, während Männer sich besonders positiv bei Status, Bildung und Einkommen darstellen wollen.

Studien im Bereich Partnersuche haben gezeigt, dass beide Geschlechterstrategien oft zielführend sind, denn sie fanden, dass Männer mit höherem Status und Einkommen mehr Frauenzuschriften bekamen, während höherer Status von Frauen nicht zu mehr Interesse bei Männern führte (3). In einer Metaanalyse älterer Studien aus den 1980er Jahren (4) zu Partnersuchportalen, zeigte sich, dass Frauen eher Partner suchten, die etwas älter als sie waren, einen höheren Sozial- und Bildungsstatus hatten und finanziell abgesichert waren, während Männer primär nach Frauen jüngeren Frauen mit attraktivem Aussehen suchten.  Der Titel „Men as Success Objects and Women as Sex Objects” bringt die damaligen Erkenntnisse auf den Punkt (5).

Diese o. g. Beispiele stammen aus der Zeit vor der Jahrtausendwende und basieren auf der Analyse von Zeitungsinseraten. Seitdem ist die Partnersuche nicht nur online gegangen, sondern Themen wie Gleichberechtigung, gender-equality, gender-diversity, Rassismus, Me-Too usw. wurden in den Medien immer präsenter. Political Correctness ist zu einem Alltagskonzept geworden und im Internet gibt es häufiger mal einen Shitstorm, wenn jemand sich nicht politisch korrekt äußert. Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu sehen, ob sich die alten Rollenmuster und Selbstdarstellungs- und Suchschemata immer noch in Kontaktanzeigen des 21. Jahrhunderts, in dem modernen Medium des Internets, finden.

In zwei Studien aus den Jahren 2007 & 2008 (5, 6), die Print- und Online heterosexuelle Partnersuchanzeigen aus dem New Yorker Village Voice Magazin untersuchten, wurden die Angaben zu Alter, Größe und Gewicht bzgl. ihres Wahrheitsgehalts und etwaigen Unterschieden zw. Frauen und Männern beim Beschönigen ihres Online-Inserates untersucht. Es zeigte sich, dass 81% der Studienteilnehmer mindestens bei einer Aussage zu Alter, Größe oder Gewicht falsche Angaben gemacht hatten. Generell waren die Beschönigungen eher klein und sie tendierten immer zu Mitte d. h. zum Durchschnitt: wer klein war machte sich größer; wer übergewichtig war, gab ein geringeres Gewicht an. Beim Gewicht schummelten die Frauen mehr als die Männer (gaben zu geringes Gewicht an) und bei der Größe schummelten die Männer mehr als die Frauen und machten sich größer als sie waren. Beim Alter wurde so gut wie nicht geschummelt – was auch daran gelegen haben könnte, dass die Teilnehmer der Studie recht jung waren.

In einer weiteren Studie der Autoren (9) untersuchten sie das Thema Profilbilder im Detail. Sie ließen unabhängige Experten die Online-Profilbilder mit dem tatsächlichen Aussehen der der Personen vergleichen und es zeigte sich, dass die Profilbilder von Frauen als weniger realitätsnah beurteilt wurden als die Profilbilder von Männern. Die Profilbilder von Frauen waren oft älteren Datums, öfter retuschiert (Haare, Hautzustand – Akne, Falten …) und öfter von professionellen Fotografen gemacht.

Ein ähnliches Ergebnis fand sich auch in einer interessanten Meta Analyse, die das Online-Dating Portal OKCupid auf Basis seiner eigenen Daten im Jahr 2010 ausgeführt hat (9). Das spannende an dieser Analyse ist, dass OKCupid sofort sehen konnte, welche Effekte die Manipulationen der Partnersuchenden auf die Anzahl Kontaktaufnahmen hatte:

  • Photos: je attraktiver ein Profilbild war, desto wahrscheinlicher war es veraltet. Das konnten die Forscher anhand der Tags mit dem Aufnahmedatum der Digitalfotos ermitteln. Sowohl Männer als auch Frauen posten ältere Bilder (auf denen sie logischerweise jünger waren), um attraktiver auszusehen. Mehr als 1/3 der attraktivsten Bilder (die Bilder die von anderen Usern am häufigsten mit „hot“ bewertet wurden) waren älter als ein Jahr und 12% der „hot“ Bilder waren älter als drei Jahre. Profile mit „hot“ Bildern wurden häufiger kontaktiert.
  • Größenangaben: Wie schon in den anderen Studien machten Männer und Frauen sich größer. Das führte aber zu unterschiedlichen Effekten: überdurchschnittlich große Männer bekommen überdurchschnittlich viele Anfragen, aber bei Frauen ist das nicht der Fall, sondern hier sinkt die Anzahl der Anfragen, wenn die Frauen überdurchschnittlich groß sind. Offensichtlich suchen Männer nach Frauen, die nicht größer als sie selbst sind, wohingegen Frauen größere Männer bevorzugen. Das ist aus Sicht von Frauen, die Partner mit hohem Einkommen oder Status suchen, sinnvoll, denn verschiedene Studien haben einen deutlichen Zusammenhang zwischen Größe des Mannes und seinem sozialen Status und Einkommen gefunden.
  • Einkommen: Männer übertrieben beim Einkommen mehr als Frauen. Je älter die Männer waren, desto mehr übertrieben sie beim Einkommen. Bei Männern unter 23 Jahren schien den Frauen das Einkommen egal zu sein, aber ab einem Alter von 23 Jahren stieg die Anzahl der Kontaktanfragen durch Frauen signifikant mit dem (angegebenen) Einkommen der Männer.

Fazit: Menschen wollen sich auf Online-Dating Portalen vorteilhaft präsentieren, um so Partner für sich zu interessieren. Viele der Online Dater scheuen sich dabei nicht, sich etwas positiver darzustellen, als es den Tatsachen entspricht. Dabei haben Männer und Frauen unterschiedliche Strategien, die sich sehr mit dem klassischen Rollenbild und den tradierten Stereotypen der Geschlechter decken. Frauen optimieren ihren Online-Auftritt eher hinsichtlich physischer Attraktivität und verwenden dazu neben schmeichelhaften und häufig schon älteren Fotos auch mal die ein oder andere Untertreibung bzgl. des Gewichts. Männer optimieren ihren Auftritt ebenfalls und übertreiben eher mal gerne beim Einkommen, Status oder bei der Körpergröße.

Beide Strategien führen (derzeit noch) zu mehr Kontaktanfragen und mehr Interesse beim jeweils anderen Geschlecht. Auch wenn es nicht politisch korrekt ist, nach Äußerlichkeiten und solchen Banalitäten wie Einkommen oder Bildung zu entscheiden, scheint es doch so, als würden die tradierten Rollenklischees und die evolutionäre Vergangenheit immer noch eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl spielen – auch in einem so modernen Medium wie dem Internet.

(1) Smith, J., Waldorf, V., & Trembath, D. (1990). “Single white male looking for thin, very attractive.…” Sex Roles, 23, 675–685

(2) Gonzales, M., & Meyers, S. (1993). “Your mother would like me”: Self-presentation in the personal ads of heterosexual and homosexual men and women. Personality and Social Psychology Bulletin, 19(2), 131–141.

(3) Hitsch, G. J., Hortacsu, A., & Ariely, D. (2004). What makes you click: An empirical analysis of online dating. Working paper. Retrieved July 18, 2005, from http://repositories.cdlib.org/cgi/viewcontent.cgi?article=1014&context=ucsc_econ_seminar

(4) Lynn, M., & Bolig, R. (1985). Personal advertisements: Sources of data about relationships. Journal of Social and Personal Relationships, 2, 377-383.

(5) Davis, E. (1990). Men as success objects and women as sex objects: A study of personal advertisements. Sex Roles, 23, 43–50.

(6) Hancock, J. T., Toma, C., & Ellison, N. B. (2007). The Truth about Lying in Online Dating Profiles. In Proceedings of the ACM Conference on Human Factors in Computing Systems, 449–452. San Jose, Calif.: ACM.

(7) Toma, C. , Hancock, J. , & Ellison, N. ( 2008). Separating fact from fiction: An examination of deceptive self-presentation in online dating profiles. Personality and Social Psychology Bulletin, 34, 1023-1036.

(8) Hancock, J.T. , & Toma, C. ( 2009). Putting your best face forward: The accuracy of online dating photographs. Journal of Communication, 59, 367-386.

(9) https://theblog.okcupid.com/the-big-lies-people-tell-in-online-dating-a9e3990d6ae2