Maske & Emojis mal anders
Masken, Emojis und warum Asiaten sich durch Masken weniger beeinträchtigt fühlen
Seit Mitte April 2020 gilt in Deutschland die Maskenpflicht an bestimmten Orten wie z.B. Geschäften oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Das heißt, an diesen Orten begegnen wir anderen Menschen, die auch eine Maske tragen. Für uns hier in Deutschland sind Masken neu und in Asien laufen die Leute schon lange damit herum.
Die Frage, um die es mir heute geht, ist wie sich das Tragen von Masken auf das tägliche Miteinander auswirkt, da die Maske ja die Mund-Nase Partie bedeckt und somit das Erkennen, Atmen und Sprechen erschwert. Dazu habe ich mir ein paar wissenschaftliche Studien angeschaut, die ich gleich mal vorstellen werde.
Zusätzlich mache ich mir ein paar Gedanken dazu, ob die Beeinträchtigungen der zwischen-menschlichen Kommunikation in Asien genauso stark sind wie bei uns, und ob das ein Grund, von vielen anderen, dafür sein könnte, dass die Corona Pandemie in Europa und den USA zu ungleich mehr Infizierten und Todesfällen führt, als in vielen Demokratien in Asien wie beispielsweise Süd-Korea oder Japan, die mit deutlich weniger harten Lock Downs durch die Krise kommen.
Wie beeinträchtigt das Tragen von Atemschutzmasken die zwischenmenschliche Kommunikation?
Diese Frage wurde im Mai 2020 in einer Studie Prof. Claus-Christian Carbon von der Uni Bamberg experimentell untersucht. Ihn interessierte, ob und wie Gesichtsmasken das Erkennen von Emotionen beeinflussen.
In der Studie wurden im 41 Personen im Alter zwischen 18 und 87 Jahren untersucht. Ihnen wurden Gesichter mit sechs verschiedenen Emotionen vorgelegt, mit insgesamt 12 kaukasischen Gesichtern (6 weiblich, 6 männlich), also gab bewertete jede Person insgesamt 144 Bewertungen ab (6 Emotionen x 12 Gesichter x 2 Bedingungen (mit/ohne Maske).

Die sechs Emotionen, die zugeordnet wurden, beruhten auf der Forschung von Paul Ekman und wurden den Teilnehmer*innen als Kategorien auf einer Liste vorgegeben. Sie sollten nicht nur die Emotion zuordnen, sondern auch angeben, wie sicher sie sich bei der jeweiligen Zuordnung waren. Bei den sechs Emotionen handelte es sich um: Wut, Ekel, Angst, Freude, Neutral und Trauer.
Ergebnisse Gesichter ohne Maske: Das Erkennen von Emotionen ist schon ohne Maske schwer genug. Ohne Maske wurden die vier Emotionen Ekel, Angst, Freude und Neutral in mehr von mehr als 90% der Teilnehmer*innen korrekt erkannt. Trauer wurde in mehr als 20% der Fälle mit Ekel verwechselt.
Ergebnisse Gesichter mit Maske: Die Beurteilung der Fotos auf denen eine Maske getragen wurde, fiel deutlich schlechter aus. Von den sechs Emotionen wurden nur zwei Emotionen, nämlich Angst und Neutral genauso gut wie ohne Maske erkannt. Die anderen vier Emotionen wurden mit Maske deutlich schlechter erkannt, insbesondere Ekel, der wieder am stärksten mit Trauer verwechselt wurde. Auch das Vertrauen in die eigene Klassifikation der Beurteilung ging signifikant zurück.
Fazit: Die Maske erschwert das Erkennen von Emotionen und Gesichtsausdrücken, und sie verunsichert Menschen bei der Beurteilung der Gesichtszüge. Das trifft besonders auf negative Emotionen wie Ekel, Wut und Trauer zu. Diese sind im Alltag zum Glück seltener zu beobachten, doch leider wird auch Freude bei maskierten Gesichtern deutlich schlechter erkannt.
Diese schlechtere Emotionserkennung auf maskierten Gesichtern verunsichert das Gegenüber und kann zu Missverständnissen führen. Um diesen vorzubeugen, ist es sinnvoll, in der Kommunikation mehr Gesten als üblich zur verwenden, gesprochenes stärker zu betonen, und auch ein paar mehr Worte zu sagen als üblich. Einfach um so explizit und implizit klarer zu kommunizieren.
Ein zweites Problem ist das Sprachverstehen, das durch die Maske ebenfalls beeinträchtigt ist, da wir unbewusst auch auf dem Mund achten, um gesprochenes zu verstehen. Lippenleser sind ja der Grund, warum sich Fußballspieler seit dem WM Finale 2006 mit Zidanes Kopfstoß, nun immer die Hand vor den Mund halten.
Deshalb sollte man mit Maske lauter und deutlicher sprechen und mehr Gesten verwenden. Das lauter und deutlicher sprechen ist besonders wichtig im Umgang mit älteren Personen, die häufig nicht mehr so gut hören und deutlich mehr auf das Lippenlesen angewiesen sind.
Sind die Beeinträchtigungen der zwischenmenschlichen Kommunikation durch das Tragen von Atemschutzmasken in Asien geringer als in Europa?
Wie wir grade gesehen haben, erschwert die Maske die verbale Kommunikation und verringert die Erkennbarkeit von Gesichtern und Emotionen. Frage ist, ob sich diese Beeinträchtigungen mit der Zeit verringern, weil man wir uns daran gewöhnen, mit maskierten Menschen umzugehen. Dazu gibt es aber keine Daten, denn in Europa tragen die Leute erst seit dem Frühjahr 2020 Masken während in Asien bereits seit Jahren von vielen Menschen freiwillig Masken im öffentlichen Raum getragen werden. Wäre interessant zu wissen, ob in Asien weniger Probleme und Unsicherheiten beim Emotionserkennen auftreten. Dazu habe ich aber keine Studie gefunden und deswegen muss man sich die Antwort selbst erschließen in dem man sich Studien mit ähnlicher Fragestellung anschaut.
Ein Grund für deutlich schlechtere Emotionserkennung bei Maskenträgern liegt daran, dass die Mund-Nase Partie von der Maske verdeckt wird. Dieser Bereich ist, neben der Augenpartie zentral für das Erkennen von Emotionen. Zumindest in der westlichen Welt.
In asiatischen Ländern achten die Menschen jedoch mehr auf die Augenpartie, wenn sie die Emotionen ihrer Mitmenschen aus dem Gesicht ablesen wollen. Die Grafik mit den beiden Gesichtern stammt aus einer Studie von Rachael Jack und Kollegen von der Universität Glasgow und Montreal aus dem Jahr 2009. In dieser Studie wurde untersucht, ob es kulturelle Unterschiede zwischen Westeuropäern und Asiaten bei der Erkennung von Emotionen gibt, die per Gesicht ausgedrückt werden. Wie auch in der Maskenstudie der Universität Bamberg, hatten die Teilnehmer die Aufgabe, den Gesichtsausdruck einer Person einer Emotion zuzuschreiben. Die Forscher registrierten nicht nur die Antworten der Teilnehmer auf, sondern sie zeichneten auch die Blickbewegungen der Teilnehmer*innen auf, um festzustellen, welche Bereiche des Gesichts bei der Klassifikation von Emotionen betrachtet werden.

Die Heatmap mit den am meisten betrachteten Regionen (in rot) zeigt deutlich, dass zwischen Europäern und Asiaten klare Unterschiede bestehen. Wenn das Ziel ist, die Emotionen einer Person am Gesicht zu erkennen, scannen Europäer ein Dreieck aus Auge-Mund-Auge, während die Asiaten den Mund nahezu gar nicht beachten.
Weitere Studien anderer Forscher zeigten, dass für Europäer die Mundpartie mit Abstand am bedeutsamsten bei der Klassifikation von Emotionen ist (Calvo & Nummenmaab 2011) und dass es bei Japanern genau umgekehrt ist, d.h. die Augenpartie ist für Japaner viel wichtiger bei der Emotionsklassifizierung als die Mundpartie (Yuki et al, 2007). Diese unterschiedlichen Wahrnehmungsmodi und die unterschiedliche Rolle der Mundpartie bei der Emotionserkennung zeigt sich auch in der Gestaltung von Emojis und Emoticons, die in Asien und Europa sehr unterschiedlich ausfällt.
Emojis und Emoticons: japanische Emoticons zeigen den Mund als Strich oder Punkt
Emojis (Minigrafiken/Icons) und Emoticons (Zeichenkombinationen mittels Tastatur) haben in Zeiten sozialer Medien eine wichtige Rolle in der Kommunikation da sie Emotionen nonverbal und sehr effizient kommunizieren. So verarbeiten die Gehirne junger Menschen, die in Zeiten von Smartphone und Social Media aufgewachsen sind, das Emoticon 🙂 (lächelndes Gesicht aka Smiley) genau in der gleichen Hirnregion, in der sonst Gesichter verarbeitet werden (Churches et al., 2014). In anderen Worten, ein Smiley ist ein kulturell übererlerntes Symbol, das vom Gehirn intuitiv „konfigural“ verarbeitet wird und so verstanden wird, wie ein „richtiges“ Gesicht.
Die Emoticons sind ein Produkt unserer Kultur und spielgeln somit auch wieder, worauf in der jeweiligen Kultur genau geachtet wird. Inspektion der Tabelle mit den beiden Flaggen, zeigt der geneigten Leserin, dass die Emoticons die wir im Westen (bsp. EU) verwenden immer eine Rundung für dide Mundstellung beinhalten, die enweder als Klammer )( oder als D gezeigt wird. Die Augen sind jedoch nur Doppelpunkte: oder ein Semikolon ;.
In Japan liegt die Betonung bei Emoticons ganz klar auf den Augen ^_^ (lachender Smiley) bzw. ^.^ (lächelnder Smiley) und der Mund wird nur als Punkt oder Strich dargestellt.

Nun kommen wir zu unserer letzten Frage:
Warum achten Asiaten weniger auf den Mund und mehr auf die Augenpartie?
Dazu gibt es verschiedene Hypothesen. Eine sagt, dass Asiaten in sozialen Situationen sehr häufig bis nahezu immer lächeln, egal wie sie sich fühlen. Und dass das Lächeln deshalb keinen Informationsgehalt hat, und somit nicht weiter dabei hilft, herauszubekommen, welche Emotion das Gegenüber gerade empfindet. Deswegen würden die Asiaten eher auf die Augenpartie achten, wenn sie feststellen wollen, was ihr Gegenüber gerade empfindet.
Die zweite Hypothese beruht auf der Tatsache, dass der persönliche Kommunikationsstil eines jeden Menschen stark von der eigenen Kultur abhängt. In individualistischen Kulturen lassen Menschen ihren Emotionen in der Kommunikation mehr freien Lauf lassen als in kollektivistischen Kulturen. In kollektivistischen Kulturen geht es darum, „nicht das Gesicht zu verlieren“ und eigene Emotionen bzw. den Ausdruck derselben zu kontrollieren, z. B. indem Mensch häufig lächelt, auch wenn einem nicht danach zu Mute ist. Der Mund bzw. das Lächeln sind deutlich einfacher zu kontrollieren, als die Augenpartie und häufig gelingt es eben bei der Augenpartie nicht, zu verbergen, was Mensch fühlt oder was Mensch denkt. Deshalb achten die Asiaten mehr auf die Augenpartie und sind folglich in der nonverbalen Kommunikation von Emotionen auch nicht so sehr durch das Tragen einer Maske beeinträchtigt, wie wir Europäer das sind.
Die kollektivistische Kultur Asien mag also ein weiterer Grund dafür sein, dass es in Asien deutlich weniger Opposition gegen das Tragen von Atemschutzmasken gibt als in den Ländern des Westens. Und natürlich nutzen die Asiaten Atemschutzmasken schon deutlich länger als wir. Freiwillig. Vielleicht störten die Masken Asiaten nicht nur weniger als uns, sondern vielleicht haben sie noch weitere Vorteile, über den Gesundheitsschutz hinaus. Denn Maske tragen befreit von dem Druck, sich und den eigenen Gesichtsausdruck ständig kontrollieren zu müssen, um nicht aus der Masse zu fallen und so auszusehen wie die anderen, ohne das Gesicht zu verlieren. So kann die Maske in Asien ein Zeichen von Inklusion werden, was ein weiterer Vorteil in einer kollektivistischen Kultur ist.
Bei uns wurde am 18. November 20 das Infektionsschutzgesetz vom Bundestag in Berlin beschlossen. Zeitgleich fanden vor dem Reichstagsgebäude Demonstrationen gegen eben dieses Gesetzt und gegen Diverse Coronamaßnahmen statt. Die Demo wurde mit Wasserwerfern von der Polizei aufgelöst, unter anderem weil die viele Demonstranten den Mindestabstand nicht einhielten und gegen die Maskenpflicht verstießen. Individualismus pur – mir ist nicht bekannt, dass die Menschen in Asien gegen die Corona Maßnahmen ihrer Regierungen oder gegen die Maskenpflicht auf die Straße gegangen sind. Im Gegenteil, in Asien werden schon seit Jahren freiwillig Masken getragen. In vielen asiatischen Großstädten sind Atemschutzmasken schon seit vielen Jahren eher die Regel als die Ausnahme.
Warum das so ist, erkläre ich in meinen nächsten Blog bzw. Video, in dem es um die Beziehung zwischen der pandemischen Historie eines Landes und dem Grad ihrer kollektivistischen Orientierung geht. Klingt kompliziert, ist es aber nicht.
Als Vorgeschmack eine Grafik, die die Anzahl der bestätigten Coronafälle pro Million Bewohner im rollierenden 7 Tages Durchschnitt zeigt.

Spannend sind die Asiatischen Staaten (unten rechts), die mit Abstand die niedrigste Inzidenz haben und allesamt kollektivistische Demokratien sind (China habe ich bewusst rausgelassen, da keine Demokratie), in der Mitte ‚Old Europe‘ mit den big four Countries der EU (D, ES, F, I). Oben rechts unsere englischsprachigen ehemaligen ‚Weltmächte‘ USA und UK. Deren Kultur mit Abstand am höchsten auf der Individualismusskala von Hofstede scoren. UK geht seit Ende Dezember durchs Dach, weil es wohl eine mutierte Variante des Covid-19 Virus gibt, die noch ansteckender, aber nicht tödlicher, sein soll (wird noch untersucht – Stand 09.Jan.21).
Quellen:
Carbon Claus-Christian (2020). Wearing Face Masks Strongly Confuses Counterparts in Reading Emotions. Frontiers in Psychology, VOL11, 2020. DOI=10.3389/fpsyg.2020.566886
Rachael E. Jack, Caroline Blais, Christoph Scheepers, Philippe G. Schyns, Roberto Caldara (2009), Cultural Confusions Show that Facial Expressions Are Not Universal, Current Biology, Volume 19, Issue 18, 2009, Pages 1543-1548, ISSN 0960-9822, https://doi.org/10.1016/j.cub.2009.07.
Park, J., Baek, Y.M. and Cha, M. (2014), Cross‐Cultural Comparison of Nonverbal Cues in Emoticons on Twitter: Evidence from Big Data Analysis. J Commun, 64: 333-354. https://doi.org/10.1111/jcom.12086.
Churches, Owen & Nicholls, Mike & Thiessen, Myra & Kohler, Mark & Keage, Hannah. (2014). Emoticons in mind: An event-related potential study. Social neuroscience. 9. 10.1080/17470919.2013.873737.
Yuki, M., Maddux, W. W., & Masuda, T. (2007). Are the windows to the soul the same in the East and West? Cultural differences in using the eyes and mouth as cues to recognize emotions in Japan and the United States. Journal of Experimental Social Psychology, 43(2), 303–311. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2006.0.
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