Wer 70 Stunden pro Woche surft, könnte evtl. etwas verpassen.
“fear of missing out” ist ein großes Thema im Internet und wir oft als Grund für exzessives Onlineverhalten genannt. Man will nichts von dem verpassen, was grade im eigenen Netzwerk bzw. in der eigenen Blase passiert. Dabei gibt es auch außerhalb des Internets viele Dinge, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt. Um das zu illustrieren habe ich mir drei Themen rausgesucht, die am Donnerstag den 2. Juli 2020 in den Nachrichten waren, aber von denen ich annehme, dass sie es nicht in die Blasen der Jugendlichen geschafft haben, obwohl sie sehr relevant für ihre Gegenwart und Zukunft sind:
- Der Bundestag beschloss die Einführung der Grundrente für einkommensschwache Rentner
- Der zweite Nachtragshaushalt 2020 wurde im Parlament beschlossen
- Die Postbank veröffentlichte die Jugend-Digitalstudie 2020
Beginnen wir mit dem 2. Nachtragshaushalt der Bundesregierung. Zur Erinnerung: Anfang des Jahres war noch die Rede von der „schwarzen Null“, d. h. der Möglichkeit, daß der Bundeshaushalt zum ersten Mal seit Jahren keine Neuverschuldung aufwies. Stattdessen sollten die geplanten Einnahmen von 362 Mrd. Euro, exakt den geplanten Ausgaben entsprechen. Das wäre eine kleine Sensation gewesen, um die uns andere große EU Länder wie Italien oder Frankreich beneidet hätten.
Aufgrund der Corona Krise werden jedoch, entgegen der ursprünglichen Planung mit der schwarzen Null, Steuermindereinnahmen von rund 60 Mrd. Euro (z. B. aufgrund der MwSt-senkung am 1. Juli) erwartet. Gleichzeitig steigen durch die beiden Nachtragshaushalte die geplanten Ausgaben auf insgesamt 509,3 Mrd.. Grund ist die Ankurbelung der Wirtschaft und Abminderung der Corona Effekte (z. B. durch Kurzarbeitergeld für 7 Mio. Arbeitnehmer). Unterm Strich geht der neue Bundeshaushalt 2020 von einer Neuverschuldung von 218.5 Mrd. Euro aus. Das wurde am 2. Juli von der Koalitionsmehrheit aus CDU/CSU und SPD verabschiedet – gegen die Stimmen von AfD, FDP und Linken, bei Enthaltung der Grünen.
Diese Neuverschuldung addiert sich zu der bereits existierenden aktuellen Staatsverschuldung von rund 2.000 Milliarden (etwa 24.600€ pro Kopf), so dass diese dann um knapp 11% innerhalb eines Jahres steigen würde. Zu zahlen sind die Schulden, Schuldzinsen und Steuern primär von den Erwerbstätigen in Deutschland. Offensichtlich hat das in der Vergangenheit nicht allzu gut funktioniert, denn sonst betrüge die Pro-Kopf Verschuldung nicht rund 25.000 € pro Kopf.
https://steuerzahler.de/aktion-position/staatsverschuldung/staatsverschuldung/?L=0
Die Tilgung der Schulden wird angesichts der demographischen Entwicklungen in Deutschland nicht einfacher, denn in den nächsten Jahren wird die Mehrheit der Baby-Boomer in Ruhestand gehen und die Einnahmen des Staats werden sich wahrscheinlich signifikant verringern. Gleichzeitig werden, aufgrund der Überalterung der BRD Bevölkerung, die Ausgaben für Gesundheit, Rente und Pensionen deutlich steigen.
Wenn ich das mal an meiner eigenen Biographie verdeutliche, sieht das so aus: Allein in meinem Jahrgang 1963 gibt es knapp 1,4 Mio Bundesbürger, von denen die meisten wohl innerhalb der nächsten 10 Jahre aus dem Erwerbsleben ausscheiden und dann Rente beziehen werden. Wir Babyboomer stammen aus den geburtenstarken Nachkriegsjahrgängen, die bis zum geburtenstärksten Jahrgang 1964 ständig neue Rekorde in der Geburtenstatistik aufstellten. Mittlerweile hat sich die Geburtenrate, dank der Pille, höherer Bildung und Autonomie der Frauen, auf einem Niveau von rund 700.000 bis 800.000 Geburten pro Jahr eingependelt. So gab es im Jahr 2019 in Deutschland mit 778.119 Lebendgeborene, etwa halb so viele Geburten wie in meinem Geburtsjahr.
Die Lebenserwartung von uns Baby-Boomern dürfte, dank besserer Medizin, größerem Wohlstand und besserer Ernährung und gesünderem Lebenswandel so hoch liegen, wie noch nie zuvor in einer bundesdeutschen Rentenkohorte. Daran wird auch Corona nichts ändern, denn Corona führte (bis jetzt – also während der „1. Welle“) zu keiner Übersterblichkeit in Deutschland. Ganz im Gegenteil, die Sterbefälle im Jahr 2020 liegen bis dato (Anfang Juli 2020) um 2% unter dem Durchschnitt von 2016-2019.

Das Verhältnis von Beitragszahlern zu Altersrentnern in der gesetzlichen Rentenversicherung wird sich weiterhin ungünstig für die Beitragszahler entwickeln. 1962, zu den Hochzeiten des Baby-Booms kamen im früheren Bundesgebiet sechs Beitragszahler auf einen Empfänger (Verhältnis 6:1). Heute ist das Verhältnis etwa 2:1, d.h. es gibt derzeit doppelt so viele Einzahler wie Empfänger. Im Jahr 2040, wenn nahezu alle Baby-Boomer aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind, wird das Verhältnis wohl bei 1:1,5 liegen.

Quelle und mehr interessante Charts auf : https://www.demografie-portal.de/SharedDocs/Informieren/DE/ZahlenFakten/Beitragszahler_Altersrentner.html
Die Rentenkassen sind jetzt schon überlastet und aufgrund der Corona Krise steigt 2020 die Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, während die Einnahmen der Rentenkassen und des Bundes sinken. Der Bund will die Renten auf keinen Fall kürzen und die Bundesregierung möchte den Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung (derzeit 18,6%) auf max. 20% deckeln. Ein potentieller Grund hierfür ist, dass solche Maßnahmen unpopulär für das Hauptwählerklientel der etablierten Parteien wären und so die Wiederwahl der Politiker gefährden würden. Erfahrungsgemäß sind Kürzungen und Einschränkungen unpopulär und werden vom Wähler nicht goutiert – siehe die Gelbwestenproteste gegen die Rentenreform von Macron in Frankreich.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch gut nachvollziehen, daß es am 1. Juli 2020 zu einer planmäßigen Rentenerhöhung von 3,45% (Westen) bzw. 4,2% (Osten) kam – trotz Coronakrise, trotz prognostizierten 60 Milliarden Steuermindereinnahmen für 2020, trotz Rekord-Neuverschuldung. Mit anderen Worten, während viele Arbeitnehmer deutlich weniger Geld zur Verfügung hatten, z. B. die 7 Mio Kurzarbeiter oder die gesamte Event-, Messe- und Gastrobranche, wurde die Rente der Lohnentwicklung des vergangenen Jahres angepasst – als sei alles so wie immer und als gäbe es keine Corona Krise. Nun könnte man ja denken, dass dann nächstes Jahr die Renten sinken würden, falls es dieses Jahr aufgrund von Corona zu einer negativen Entwicklung der Löhne käme. Aber so ist es nicht: eine gesetzlich verankerte „Rentengarantieklausel“ sorgt nämlich dafür, dass die Renten niemals fallen. D. h. die Rente steigt, wenn die Löhne im Vorjahr stiegen, und falls die Löhne konstant bleiben oder fallen, bleibt das Rentenniveau konstant. Offensichtlich haben Rentner eine stärkere Lobby als Schüler und Studenten, deren Bafög nicht automatisch jährlich steigt, falls das Lohnniveau steigt.
Man braucht nicht besonders gut in Mathe zu sein, um zu sehen, dass der Bund die Rentenkassen in Zukunft noch massiver unterstützen muss (derzeit liegt der Bundeszuschuss zu den Renten bei knapp 100 Mrd. jährlich.) Das wird nicht ohne eine weitere Verschuldung des Staates gehen, auch nach Corona. Hasta la vista, schwarze Null.
Bezahlen müssten diese Schulden, falls sie überhaupt jemals bezahlt werden sollten, primär die jungen Menschen, die heute als Kinder und Jugendliche, in diesem unserem Land leben und während der letzten Monate wegen Corona nicht oder sehr unregelmäßig zur Kita, Schule oder Uni durften – weil sie hoch ansteckend sein könnten. Ob junge gesunde Menschen tatsächlich hoch ansteckend sind und deshalb Kitas, Schulen und Unis zu Corona Hotspots transformieren würden, das weiß „die Wissenschaft“ im Moment noch nicht und auch die guten Erfahrungen in Ländern mit offen Schulen, wie Dänemark, Schweden oder Südkorea, scheinen Skeptiker in der Regierung nicht zu überzeugen. Und so bleiben viele Kitas, Schulen und Universitäten geschlossen bzw. öffnen nur teilweise unter sehr strengen Auflagen mit deutlich reduziertem Lehrangebot.
Mich erstaunt, daß es seitens der Jugend keine nennenswerte Opposition gegen diese Entwicklungen gibt. Daß die Jugend sich organisieren und demonstrieren kann, hat sie bei Fridays-for-Future gezeigt – als sie aktiv für Themen wie Umwelt, Konsumverzicht und Klimawandel auf die Straße ging. Allerdings kam dort der Impuls durch die Beharrlichkeit von Greta Thunberg, die mit ihrem Schulstreik für das Klima eine ikonische Führungsrolle übernahm und das Thema medienwirksam besetzen konnte und hierdurch viele Jugendliche mobilisieren konnte. Solch eine charismatische Person hat sich für das Thema Chancengleichheit für die Jugend noch nicht gefunden.
Statt zu demonstrieren gegen Chancenungleichheiten und Konsequenzen, die sich aus Schul- und Unischließungen oder der Staatsverschuldung zu Lasten zukünftiger Generationen ergeben, adaptieren Schüler und Studenten ihr Verhalten an die neue Situation und versuchen das Beste daraus zu machen. Das heißt für viele Jugendliche, dass sie nun anders lernen und anders Kontakt zu ihren Peers, Lehrern, Profs usw. halten.
Dabei spielt das Internet eine zentrale Rolle. Laut der Jugend-Digitalstudie 2020, deren Ergebnisse die Postbank am 2. Juli veröffentlicht hat, verbringen die 16-18 Jährigen, die im Corona Zeitraum April und Mai interviewt wurden, ihre Zeit vermehrt im Internet und zwar im Durchschnitt 71,5 Stunden pro Woche. https://www.presseportal.de/pm/6586/4640654
Im Vergleich zu den 58 Wochenstunden Onlinezeit, die in der gleichen Zielgruppe im Jahr 2019 gemessen wurden, entspricht das somit einer massiven Steigerung von 13,5 Stunden (23,3%). Das wären in der wirklichen Welt schon fast zwei Arbeitstage pro Woche! Die wöchentlichen 71,5 Stunden Internetkonsum entsprechen 10 Stunden täglich und wenn man von einer Schlafdauer von 8 Stunden pro Tag ausgeht, bleiben dann nur noch 6 Stunden pro Tag für Essen, Freunde und Familie treffen, Schule, Sport usw.. Mit anderen Worten: der Großteil der befragten Jugendlichen verbringt mehr als die Hälfte der persönlichen Wachzeit in seiner persönlichen Internet Blase.
Angesichts des zeitraubenden Internetkonsums ist es dann vielleicht doch nicht mehr so verwunderlich, dass es seitens der Jugendlichen kaum eine nennenswerte Opposition gegen die Coronaeinschränkungen der Schulen und Unis oder gegen die Staatsverschuldung gibt. Sie haben das vielleicht gar nicht komplett mitbekommen oder reflektiert. Denn wer 70 Stunden pro Woche surft, könnte eventuell etwas verpassen.
Und selbst falls sie es mitbekommen haben, das Internet macht die Coronamaßnahmen deutlich erträglicher und beruhigt ähnlich, wie es „Brot und Spiele“ schon bei den alten Römern taten.
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